Schein-Moral

Die Porno-Branche in Deutschland zittert vor dem neuen Jugendpornographiegesetz. Aber nicht, da das Gesetz den Tatbestand der Kinderpornographie erheblich ausweitet. Nicht, da Jugendpornographie deutlich härter bestraft werden soll. Das große Zittern hat seinen Ursprung in der sogenannten “Scheinminderjährigkeit“.

Laut Scheinminderjährigkeit fallen auch solche Filme, Hefte etc. unter den Tatbestand der Jugend- oder Kinderpornographie, in denen Darsteller gezeigt werden, die zwar objektiv volljährig sind, aber nach ihrem äußeren Erscheinungsbild als minderjährig eingestuft werden können.

Das bedeutet: Findet auch nur ein Staatsanwalt, ein Richter …, dass eine Darstellerin aussieht wie 17 Jahre und 11 Monate, obwohl sie nachweisbar bereits ihren 18., 19. oder 20. Geburtstag gefeiert hat, machen sich Produktionsfirma, Vertrieb, Händler … strafbar. Ich finde, dass ist absolut indiskutabel. Dadurch entsteht Rechtsunsicherheit und Willkür.

Das wäre so, wie “Schein-Diebstahl”: Du wirst verurteilt, da sich ein Polizist einbildet, dass es so ausgesehen hat, als hättest du was geklaut, vielleicht hatte er dich auch nur so am Kieker. Nachweisen muss man das dann nicht mehr. Oder “Schein-Trunkenheit”: Ein Antialkoholiker wird verurteilt, da sich jemand einbildet, er hätte Alkohol gerochen (vielleicht die eigene Fahne).

Zur Klarstellung: Ich bin absolut gegen Kinderpornographie. Diese Schweine (ja, dazu stehe ich!), die sich an Minderjährigen aufgeilen, gehören strengstens bestraft. Hier darf es kein Mitleid geben. Unsere Kinder gehören entsprechend geschützt. Aber, das sollte dem Gesetzgeber auch klar sein, diese Perversen kaufen sich sicher nicht in einem Sexshop einen Film wie “Junge Debütantinnen“, in denen bereits beim Blick auf´s Cover klar ist, dass die eine oder andere Darstellerin bereits länger in den 20ern ist. Diese Verbrecher finden andere Wege, um an entsprechendes Material zu kommen. Hier liest man zum Glück ja auch immer wieder von internationalen Razzien. Und das ist gut so.

Nicht gut ist es aber, wenn eine ganze Branche durch ein derartiges Gesetz verunsichert wird und, in ohnein schwierigen Zeiten, Arbeitsplätze in Gefahr kommen. Seit Jahren wird jeder Porno-Darsteller vor Aufnahmebeginn mit seinem Ausweis fotografiert, um jederzeit nachweisen zu können, dass er/sie das gesetzlich vorgeschriebene Alter erreicht hat. Mir ist kein einziger Fall bekannt, bei dem eine offizielle Produktionsfirma diesbezüglich angezeigt oder gar verurteilt wurde. Die Leute in dieser Branche sind ja auch nicht dumm. Die Existenz des Unternehmens wäre dadurch absolut gefährdet.

Einige deutsche Pornoproduzenten haben sich sogar in den letzten Monaten zusammen geschlossen, als der Entwurf des neuen Gesetzes vorlag, ein zusätzliches “Gütesiegel” (links) zu entwerfen und auf alle Produktionen zu drucken, um zu dokumentieren, dass alle Darsteller auch wirklich über 18 Jahre alt sind. Eigentlich nichts anderes als zu sagen, dass man sich auch wirklich an die geltenden Gesetze hält. Ist das wirklich notwendig?

Und dumm sind auch nicht die Konsumenten. Die wissen auch, dass die Darsteller(innen) über 18 Jahre alt sind, aber die Schuld an dem Jugendwahn unserer Gesellschaft ist sicher nicht der Porno-Branche anzulasten.

Wir brauchen klare, nachvollziehbare Gesetze mit klaren Regeln. Derartige Gesetze werden sicher nichts im Kampf gegen die wahren Probleme in diesem Bereich bewirken.

Weitere Informationen:

beck-blog: Strafverbot von “Jugendpornographie” tritt bald in Kraft

law-blog: Neuer Schub für die Hexenjagd

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Eine Antwort auf Schein-Moral

  1. Gina sagt:

    Hustler Europe, Tochterfirma der US-amerikanischen Larry Flynt Publications, hat eine Verfassungsbeschwerde gegen § 184c Strafgesetzbuch erhoben.

    Die Änderung am § 184c des Strafgesetzbuches sind am 5. November 2008 in Kraft getreten und verbieteten den gewerblichen Vertrieb von Pornofilmen mit erwachsenen Darstellern, die ein jugendliches Erscheinungsbild aufweisen.

    Hustler wehrt sich mit dieser Verfassungsbeschwerde gegen die weitere Kriminalisierung von Pornographie. Geprüft werden muss nun, ob § 184c die grundgesetzlich garantierten Freiheitsrechte verletzt. Gefordert wird eine klare Regelungen für mehr Rechtssicherheit. Ziel ist die Aufhebung der Strafbarkeit für scheinjugendliche Darsteller.

    Hustler Europe und Larry Flynt Publications achten, nach eigener Aussage, streng auf die gesetzliche Volljährigkeit ihrer Darsteller und archivieren alle Altersnachweise nach den US-amerikanischen Gesetzen.

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